Das Ghetto
Im Vorfeld der Kreuzzüge untersagte das 3. Laterankonzil 1179 das
Zusammenleben zwischen Christen und Juden. Die Juden wurden abgesondert und
damit der Gegensatz zwischen ihnen und den christlichen Grundlagen von Staat und
Gesellschaft herausgestellt. Obwohl das Baseler Konzil 1434 den Verweis der
Juden in eigene Viertel wiederholte, sind die Vorschriften auch dann in
einzelnen deutschen Städten unterschiedlich gehandhabt worden. Allgemein setzte
sich das den Juden zwangsweise zugewiesene Wohnviertel im 15. Jahrhundert durch.
Abends wurde es verschlossen, so dass die Bewohner nur tagsüber
freien Zugang zu den übrigen Stadtbezirken hatten. Die Bezeichnung Ghetto
stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde erstmals in Venedig benutzt. In
Deutschland setzten sich die Begriffe "Judengasse" und
"Judenstadt" durch. In den meisten Städten war das Judenviertel ursprünglich
nahe der Domfreiheit, der Burg oder des Marktes angesiedelt. Später wurde den
Juden das Wohnen nur am Stadtrand erlaubt, manchmal durften sie sogar nur außerhalb
der Stadt wohnen. In diesen autonomen Gemeinden war der Judenmeister, der
Magister Judeorum, der offizielle Repräsentant gegenüber den Behörden. Oft
waren dies die Rabbiner. Neben seinen religiösen Pflichten übte er in der
Gemeinde das Richteramt aus. Er hatte die Verantwortung für das Hospital und
die Herberge, auch für die Unterstützung der Armen, die neben Talmudstudenten,
durchreisenden Flüchtlingen und Bettlern verpflegt und unterstützt werden mussten.
Die Kleiderordnung innerhalb des Viertels fiel sehr bescheiden aus. Außerhalb
der Ghettos war sie im allgemeinen vom Stadtrat verordnet, wurde aber nicht
immer streng gehandhabt. Das gesellschaftliche Leben kreiste um Familie und
Schule (Synagoge). In das Alltagsleben gibt das kleine Buch der Frommen
Einblick: "... Halte die Bücher in hohen Ehren... Sei mäßig im
Trinken... Suche zunächst alles zu erfüllen, was in den fünf Büchern
Mose,
in den Propheten und den Schriften geschrieben steht... Diene Gott auf das
genaueste und schone kein Geld: hat dir ein Nichtjude auf Treu und Glauben
geliehen und er hat es vergessen, so erinnere ihn und bezahle ihn...".
Sowohl Freude wie Trauer, die Gemeinde nahm daran ebenfalls teil. Festlichkeiten
wurden mit Tanz und Musik gefeiert; manchmal auch mit christlichen Freunden.
Das Ghetto in Frankfurt am Main
Gemäß den Beschlüssen des Laterankonzils von 1215 und des Konzils von
Basel (1431-1449) hatte Kaiser Friedrich III. die Entfernung aller Juden aus
ihren Häusern in der Frankfurter Domgegend angeordnet. Die Patrizier der Stadt
weigerten sich aber, die Juden auszuweisen. Nach langem Zögern und gegen den
Widerstand der Juden führte die Stadt 1462 den kaiserlichen Befehl aus. Am
Wollgraben gegenüber der Stadtmauer, wurde nun eine zweite Mauer gebaut.
Dazwischen entstand eine knapp 300 Meterlange enge Gasse. Sie war begrenzt von
drei Toren, die nur tagsüber geöffnet wurden. In dieser Gasse lebte die jüdische
Gemeinde bis zum Einmarsch Napoleons mit all ihren Einrichtungen. Hier lebten
die armen Familien und die reichen. Es war ein kleines Universum, in zwei gegenüberliegenden
Häuserreihen. Im dem Gewirr der Häuser entwickelte sich ein wohlgeordnetes,
vielfältiges und intensives Gemeindeleben mit Lehrhaus, Festhaus, zwei
Herbergen, Backhaus, Spital, öffentlichem Bad und einer Synagoge. Es war eine
kleine aber wohlhabende Gemeinde. Im 16. Jahrhundert wurde sie durch ihre
Gelehrten weit bekannt und trat die Nachfolge der mittelalterlichen jüdischen
Zentren am Rhein an. Die "Judengasse" wurde zum Mittelpunkt jüdischen
Lebens in Deutschland, zu einem Versammlungsort der Gemeindevorsteher aus dem
ganzen Reich. In der Gasse selbst lebten 1463 110 registrierte Personen, 1520
waren es 250, 1580 bereits 1200 und 1610 stieg die Zahl auf 2270.
Das
heißt auf je einen Quadratmeter Wohnfläche kommt ein Mensch. Es entwickelte
sich ein blühendes kulturelles Leben. Die Juden durften keinen Landbesitz
erwerben, auch kein Grundstück innerhalb der Stadt. Außerhalb der Gasse war es
ihnen untersagt ein Handwerk auszuüben. Nach zehn Uhr abends sowie an
christlichen Feiertagen und Sonntagen durften sie die Ghettogasse nicht
verlassen. Außerhalb der Gasse mussten sie einem gelben Fleck auf dem Gewand
tragen.
Im Jahre 1612 trugen die Frankfurter Zünfte ihre Beschwerden gegen die
Patrizier und Juden vor. Wie sooft wollte man eigentlich nur die armen Juden
loswerden. Aber sie wurden abgewiesen. Zwei Jahre später stürmten und plünderten
Handwerker unter Führung Vincent Fettmilchs mit Hilfe von Stadtgesindel das
Ghetto. Die Juden wurden auf dem Friedhof zusammengetrieben. Endlich griff dann
der Bürgermeister mit Geharnischten ein. Unter diesem Schutz konnten gut 1400
Juden die Stadt verlassen. Diesmal griff der Kaiser streng durch. Fettmilch und
ein paar seiner Anhänger wurden hingerichtet. Dieser Aufstand war somit zu
einem Wendepunkt in der Geschichte der Juden in Deutschland geworden. Statt
einer Pogromwelle kam es zu einer Beruhigung. Es war wohl das erste mal, dass Juden nicht verächtlich dargestellt wurden.